Bergsteigen in den Dolomiten 25.8.2000

Ein Fußgänger geht Bergsteigen - in den Dolomiten Bergsteigen 25.8.2000 bis 31.08.2000

Alter schützt vor Torheit nicht.

Meine beiden Sportskollegen beim Eisschnelllauf schwärmten und wollten in Südtirol von Hütte zu Hütte wandern. Als gut trainierter Eisschnellläufer - damals 63 Jahre alt- dachte ich, da gehe ich mit.

Schorsch und Günther waren erfahrene Bergsteiger mit 30 Jahren Bergerfahrung. Diesen erfahrenen Bergführern kannst du dich anvertrauen. Im warmen Wohnzimmer hatte ich mich entschlossen: „da gehe ich mit“. Ich hatte schon Felswände gesehen – aber noch keine bestiegen und keine Kletter-Erfahrung.

Mit Sandalen reiste ich an. Am Berg wechselte ich dann auf neue Bergschuhe.

An der ersten 50 Meter hohen Felswand zeigten die Routiniers dem Anfänger was Klettern heißt. Nach einigen Minuten Überlegung dachte ich – soll ich umkehren und nach Hause fahren?

Diese Blamage hätte ich nicht verdauen können. Deshalb versuchte ich mich ganz langsam und vorsichtig Schritt für Schritt nach Oben zu machen.

Beim Bau meiner Industriehalle ging ich auch über Eisenträger in acht Meter Höhe ohne irgendeinen Halt - also warum nicht auch hier.

Ein Büschel Gras war der einzige Halt der mich vor dem Abrutschen bewahrte.

Wir starteten morgens ganz früh- dann wurde ein flotter Schritt angeschlagen.

Dann kam ein Steilhang mit Gras bewachsen. Diesen steilen Hang „sprintete“ Günter hoch - um zu zeigen wie „klein“ wir doch waren.

Dadurch wurden wir (Schorsch und ich) angespornt auch etwas schneller -ungesicherter - den Steilhang zu überwinden.  Meine Rettung war ein Büschel Gras an dem ich mich gerade noch festhalten konnte bevor ich das Übergewicht verlor und ohne Halt abgerutscht wäre.

So blieb mir ein Büschel Gras bis heute in positiver Erinnerung.

Dann wurde mir erst bewusst auf was ich mich da eingelassen hatte. Körperlich war ich so fitt wie die beiden- also warum sollte das nicht gelingen?

Die Angst ging auf Schritt und Tritt mit. Langsam gewöhnte ich mich an die Umgebung- dann fing ich an zu beten. (seitdem weiß ich, dass Beten in jeder Situation hilft) Ich bekam Selbstvertrauen ich konzentrierte mich nur auf jeden Schritt, auf jeden Griff im Fels. Ich war ganz ruhig, ich schaute nicht nach Oben noch viel weniger nach der blanken 200m hohen Felswand unter mir. Ich war getragen – das gibt Selbstvertrauen- ich hatte in der ganzen Zeit keine gefährliche Situation.

Die theoretische Vorstellung von Hütte zu Hütte wandern war ein Trugschluss - die Wirklichkeit: eine Felswand nach der anderen. Die Hütten lagen fast auf gleicher Höhe von ca. 2000 Meter Aber die Strecke dazwischen war mit bis zu 3000 Meter Höhe eine Herausforderung.

Der Buchautor des Reiseführers Franz Hauleitner (Bergverlag München) beschrieb den Dolomiten Höhenweg Nr. 5 so:

Dolomiten – Höhenweg Nr. 5

Die Höhenwege Nr. 1, 3, 4 und 5 führen allesamt durch den Bereich der östlichen Dolomiten. Route 5 ist dabei die östlichste, dem Piave am nächsten gelegene. Sie beginnt in Sexten ( Pustertal ) und leitet in Südrichtung durch die Sextener Dolomiten nach Auronzo, von dort in Westrichtung durch die Marmarolegruppe, zuletzt südostwärts durch das Antelao-Massiv nach Pieve die Cadore ( Piavetal ). Die Route besitzt also nicht den, bei vielen anderen Höhenwegen üblichen Nord-Süd-Trend, sie wendet sich vielmehr in weiten Schleifen durch das östliche Dolomitengebiet.

Übernachtung in der Cardusccihütte

Von hier aus sind folgende Gipfel zu besteigen: M. Giralba, 2990 m, 2878 m, Zwölferkofel, 3094m, C. d`Auronzo, 2921 m, Elferkofel, 3092 m, Hochbrunnerschneide, 3045 m. Diese Namen waren nicht unser Ziel. Wir hielten uns nur an den Dolomiten Höhenweg Nr. 5.

Die Überschreitung der Sextener Dolomiten endet mit dem Abstieg durch die steile Schlucht des Val Giralba in das 1400 m tiefer gelegene, bereits südlich anmutende Val d´Ansiei. Trotz dieses für Dolomiten-Höhenwege abnormen Höhenverlustes und der unschönen Straßenwanderung durch das Val d´Ansiei nach Auronzo ein sehr eindrucksvolles Unternehmen.

Von der Hütte auf Weg Nr. 103 an der linken Seite des steil abfallenden Val Giralba Alta unter den schwarzen Wänden des Camp. Rif. Carducci südostwärts in weiten Kehren über Geröll hinunter, später an der rechten Talseite durch begrüntes Gelände zur Abzweigung der „Via ferrata Cengia Gabriella“ nach links.

Hier in engen, steilen Kehren durch Gesträuch hinunter und nach rechts zu einer Felsnische ( Notunterstand ). Weiter an der rechten Begrenzung des Haupttales abwärts, über zwei Bachläufe, später bei abnehmender Steilheit durch Latschen hinunter zur Wiese „ Pian de le Salere“ am Vereinigungspunkt des Val Giralba Alta mit dem Val die Stallata.

Insgesamt wurden vier größere Berggruppen durchwandert oder zumindest berührt, und zwar Sextener Dolomiten ( Dreischusterspitze, Elfer-, Zwölfer- und Einserkofelgruppe, Hochbrunnerschneide, Bagani-Ambata-Gruppe ), Marmarole, Sorapis und Antelao. Am Weg liegen elf während der Sommersasion bewirtschaftete Schutzhütten oder Gasthöfe und drei ( unbewirtschaftete ) Biwakschachteln.

Eine Übernachtung hatten wir in einer Biwakschachtel (keine Toilette- kein Wasser) Die Türe blieb die ganze Nacht offen, durch diese schien der Vollmond und begleitete unseren Schlaf. Dieser Vollmond über den Dolomiten-Bergen ist mir bis heute in sehr positiver Erinnerung. Die Entfernung (Luftlinie) zwischen Start- und Endpunkt der Wanderung beträgt nur 30 km ! Durch mehrfache Richtungsänderungen erreicht der Weg immerhin eine Länge von nahezu 100 km.

Diese Strecke mit gewaltigen Höhenmetern haben wir in 6 Tagen bewältigt.

Die Begehung der gesamten Höhenroute Nr. 5 stellt ein ziemlich anspruchsvolles Unternehmen dar und steht, was Schwierigkeit und abverlangte Leistung betrifft, über den Routen Nr. 1 – 4 !
Eine Begehung ist nur geübten, klettergewandten ( Passagen im Grad II ) und vor allem ausdauernden Bergsteigern anzuraten.

Es ist zu bedenken, daß man im weltfernen Gebiet der Marmarole-Nordseite im Notfall kaum mit fremder Hilfe rechnen kann.

Es werden einzelne Gebiete von ganz besonderer Wildheit und Großartigkeit durchstreift, wie etwa das der Sextener Dolomiten, deren Durchwanderung bereits einen landschaftlichen Höhepunkt darstellt. Die erste Hälfte der Marmarole-Durchquerung von Auronzo zum Rif. Chiggiato bietet eine wunderschöne, aussichtsreiche Höhenwanderung von Hütte zu Hütte.

Die abschließende Überschreitung des Antelao-Massives steht dem vorangegangenen in keiner Weise nach, sie bildet mit dem gesicherten Klettersteig zur Forc. del Ghiacciaio den krönenden Abschluß des Unternehmens.

In der Rückschau auf diesen abenteuerlichen Höhen-Ausflug kann ich nur feststellen: es hat zu meiner Persönlichkeitsentwicklung wesentlich beigetragen.

Bewirtschaftete Schutzhütte Rifugio Antelao , 1796 m

Auf der Sella di Pradonego in der westlichen Antelaogruppe gelegenes, nettes Haus des CAI Treviso. Versöhnung mit der zivilisierten Welt.

Mögliche Gipfelbesteigungen von der Rifugio Antelao Hütte auf den Antelao, 3263 m, Crode San Pietro, 2259 m, Croda Mandrin, 2277 m, M. Tranego, 1849 m.

Letzter Rundblick: Im Norden die schönen Berggestalten der zentralen und östlichen Marmarolegruppe ( Cimon del Froppa, Croda Bianca, M. Ciastelin, M. Ciareido ).

Rechts in der Ferne die Nördlichen Karnischen Alpen ( Hochweißstein, weiter rechts Brentonigruppe ). Im Osten, rechts hinter dem bewaldeten Monte Trenego, die Südlichen Karnischen Alpen mit Cridola, Monfalconi und Spalti di Toro. Im W der Antelao ( C. Fanton ), links dahinter die Moiazzagruppe und der Passo Duran ( darüber die Pala). Im Süd-Westen  die Prampér-Dolomiten.

Abschied vom Gebirge durch einen Fußmarsch (in Sandalen) über geteerte Straßen - von der letzten Hütte nach Pieve die Catore.